Handy liegt auf Laptop

Wir denken nicht, wir googlen!

Immer mehr Aufgaben übernehmen Smartphone und Co. für uns, das wirkt sich sich auch auf die Nutzer aus. Ein Gastbeitrag zu unserer Themenreihe ‚Generation Y‘ von Sarah Stöcker.

 

 

Helen, 21 Jahre, sitzt mit ihren Freundinnen Clarie und Lara in einer Bar. Die Studentinnen unterhalten sich darüber, welche Rolle Smartphones in ihrem Leben eingenommen haben. Helen würde gerne etwas verändern. Nach einem Bericht im Fernsehen kam sie zum Nachdenken. Sie erzählt ihren Freundinnen von der Salve Jorge Bar in São Paulo. Die Bar will dagegen vorgehen, dass ihre Besucher sich lieber mit ihrem Smartphone beschäftigen, als mit ihrem Gegenüber. Die Idee war es Gläser herzustellen, die eine Einkerbung am Boden besitzen. Sie können nur gerade auf dem Tisch stehen, wenn unter ihnen ein Smartphone liegt. Der Name der Erfindung: The Offline Glas.

 

Helen schlägt ihren Freundinnen vor, dass sie alle ihre Smartphones auf den Tisch in die Mitte legen. Wer sein Handy weg nimmt muss eine Runde ausgeben. Die Idee ist gut, aber bei der Umsetzung scheitern die Freundinnen. Die Ersten brauchen ihr Handy um die Uhrzeit in Erfahrung zu bringen. Eine Armbanduhr besitzt keine der jungen Frauen. Eine Tatsache, die sich in ihrer Generation häufig wiederfinden lässt. Später am Abend wird Helens Idee ganz verworfen. Die Farben des Cocktails müssen unbedingt mit einem Foto festgehalten werden. Die Bilder werden auch gleich bei dem sozialen Netzwerk Facebook gepostet und per Messengerdienst WhatsApp weiter versendet. Dass beide Dienste, die mittlerweile zusammengehören, alle Rechte an den versendeten Texten, Bildern und Videos besitzen ist den jungen Erwachsenen gänzlich egal.

 

Voll im Trend

 

Aber nicht nur Cocktails und das tägliche Mittagessen gehören zu den beliebten Fotomotiven. Der neueste Trend: „Selfies“. Mit der Handykamera fotografiert man sich selbst, am besten vor einem Spiegel. Eine Möglichkeit sich selbst zu präsentieren. Legitimiert durch prominente Vorbilder die sich in nur jeder möglichen Pose zeigen und damit möglichst viele Kommentare erbetteln. Auch abgemagerte Models wie Bonnie Strange scheuen sich nicht ihre knochigen Körper zu fotografieren und die Bilder in sozialen Netzwerken zu verbreiten. Die Folge: Junge Frauen eifern ihnen nach.

 

Laut Statista, einem Portal für Studien und Statistiken, lag die Anzahl der Smartphone-Besitzer in Deutschland im Jahr 2009 bei rund 6,31 Millionen. Im Jahr 2014 sind es bereits 40,4 Millionen – fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung. Wer kein internetfähiges und mobiles Gerät besitzt ist ein Außenseiter. Alles muss geteilt werden, man muss erreichbar sein, man will alles wissen – immer und überall. Das ist Teil der globalisierten Gesellschaft.

 

Nützliche Helferlein

 

Wenn Christian (27) in den Urlaub fährt ist sein Smartphone immer dabei. Es ist Navigations-, Unterhaltungs- und Kommunikationsgerät zugleich. Auch in Italien will er erreichbar sein und wissen, was zu Hause in Deutschland passiert. Sein Freund Malte schickt ihm eine WhatsApp-Nachricht und lädt ihn zum Geburtstag ein. Dank seines Handys führt er auch seinen Terminkalender mit und kann die Veranstaltung direkt eintragen. Dann geht es weiter, mit dem Kopf gesenkt läuft er durch Florenz. Mit der TripAdvisor-App sucht er die Ponte Vecchio Brücke. Falls er sie nicht findet hat er zusätzlich die Google-Translate-App, um nach dem Weg zu fragen. Christian besitzt unzählige Apps – alle sollen ihm das Leben vereinfachen. Die großen Anbieter Google und Apple haben jeweils mehr als 1,2 Millionen Apps zur Verfügung. Darunter eine App, die nur „Yes“ und „No“ anzeigen kann und damit seinem Nutzer Entscheidungen abnehmen will.

 

„Wir beeilen uns nicht, wir simsen, dass es später wird. Wir denken nicht, wir googlen – und das ist völlig in Ordnung“, warb ein Telekommunikationsunternehmen und beschrieb damit eine ganze Generation. Der Internet-Suchmaschinen-Riese mit Millionen von Einträgen bietet unzählige Möglichkeiten und Lösungen. Lexika verstauben im Regal und hitzige Diskussionen über ein bestimmtes Thema werden durch eine schnelle Suche mit klarem Ergebnis von Google beendet.

 

Die Folgen im Alltag

 

Die 27-jährige Julia ist Studentin und Mutter einer 5 Jahre alten Tochter. Sie erzählt: „Mein Smartphone ist immer in meiner Nähe. Ich will immer erreichbar sein. Aber neulich war ich von mir selbst schockiert.“ Ihre Tochter kam zu ihr um ihr ein selbstgemaltes Bild zu zeigen. „Ich habe meinen Blick nicht mal von meinem Handy gewendet. Die neuesten Facebooknachrichten fand ich in diesem Moment interessanter. Erst hinterher war mir klar, dass ich die völlig falsche Priorität gesetzt hatte und wie vereinnahmend so ein Handy sein kann.“ Auch mit ihrem Mann hatte sie öfter Ärger wegen des ständigen Online-Seins. „Das Wohnzimmer ist jetzt eine Handyfreie-Zone“, sagt sie.

 

Julia und auch Helen mit ihren Freundinnen sind nicht die einzigen, die diesem Phänomen der Abhängigkeit zum Opfer fallen. In ihrer Generation herrscht ein gravierender Mangel an zwischenmenschlicher Kommunikation. Es wird lieber eine Entschuldigungs-SMS geschrieben, als dass sich persönlich ausgesprochen wird. Geburtstagswünsche sind auch schneller mit einer digitalen Nachricht überbracht, als mit einem Anruf oder Besuch. Dank Emoticons und Smileys können heute per Internet auch echte Gefühle vermittelt werden.

 

Und wer sieht sie nicht? – Die 18- bis 30-Jährigen, die im Bus, bei der Arbeit, in der Uni und beim Laufen ihren Kopf gesenkt haben und mit ihrem Daumen auf Bildschirmen wischen und tippen. Eine ganze Generation versinkt in einer virtuellen Welt, ohne sich für die Umwelt zu interessieren. Bild schrieb in einem kritischen Artikel zur Smartphone-Nutzung von der „Head-down Generation“ oder auch „Generation Kopf unten“.

 

Internetsucht?

 

Die ARD/ZDF-Onlinestudie von 2013 ergab, dass Onliner in Deutschland am Tag durchschnittlich 169 Minuten im Internet verbringen. Diese Zahl steigt durch die Nutzung von Tablets, Smartphones und Co. weiter an. In einem Haushalt, der „online“ ist, sind rund 5,3 solcher internetfähigen Geräte vorhanden. Mobile Endgeräte werden sich auch genannt. Für ihr Campusmagazin mediaZINE ist Literatur, Kultur und Medien-Studentin Isabell eine Woche offline gegangen. Sie berichtet über ihre Erfahrungen mit der internetfreien Zeit. Isabell musste sich als erstes einen Wecker anschaffen. Verabredungen mit ihren Freunden kamen nur schwerlich zu Stande. „Ich war gereizt und spürte ständig den Drang auf mein Handy schauen zu müssen“, gesteht sie. An den Verzicht habe Sie sich nicht gewöhnt.

 

Bisher gibt es keine anerkannte Diagnose, die als „Smartphone- oder Internetsucht“ bezeichnet wird. Laut einer Studie zur Internetabhängigkeit aus dem Jahr 2013, die die Universität Lübeck im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums durchführte gibt es jedoch in Deutschland rund 560.000 Internetabhängige. Dass dazu mobile Geräte beitragen zeigen die genannten Jugendlichen. Klicksafe.de versucht über Risiken im und um das Internet zu informieren. Speziell für Jugendliche, die der Online-Generation, der Kopf-runter-Generation angehören stehen Materialien zur Verfügung. Aber je größer und mobiler die digitale Welt wird, desto schwieriger wird es, sie für nachfolgende Generationen verständlich und anschaulich zu machen.

 

Bild: Lizenz: CC BY-2.0 – Autor: Johan Larsson – Titel: Firefox Mobile for Android – Quelle: flickr.com

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