Terror

In Zeiten des Terrors

Sie rennt, sie läuft, sie fließt, sie vergeht und sie zerrinnt, doch eins tut sie nicht: Sie lässt sich nicht umkehren. Und auch wenn es sich in manchen Augenblicken des Lebens so anfühlt, als würde sie stagnieren, nur um im nächsten Augenblick in schwindelerregender Geschwindigkeit weiterzurasen, kommt sie dennoch nicht zum Stillstand. Sie löst Befangenheit und Schock aus und doch spendet sie Trost, denn sie heilt bestimmt alle Wunden.

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Die Zeit ist erbarmungslos. Ob du nun willst, dass sie vergeht, oder nicht, sie zerrinnt unaufhaltsam zwischen deinen Fingern, wie Farbkleckse auf einer Leinwand, manchmal quälend langsam und manchmal so schnell, dass du kaum verhindern kannst, dass sie die Rahmung, dessen was begreiflich ist, übertritt und fortläuft, dorthin, wo du niemals Farbe wolltest, oder an einen Ort, von dem du sie niemals wieder los wirst. Für immer befleckt und mit einem bitteren Nachgeschmack behaftet. Manchmal verändert sich mit einem Wimpernschlag für eine Vielzahl von Menschen alles und es sind ebenfalls Menschen, die mit einer einzigen Handbewegung den kontinuierlichen Ablauf der Zeit ins Wanken bringen. Es sind Sekundenbruchteile, die unsere Zeit auf dieser Welt beenden können, es sind Minuten und Stunden, in denen die Zeit kollabiert und es sind Monate und Jahre, in denen die Zeit nie wieder verstreicht wie zuvor. Der Strom der Zeit kommt uns unerschöpflich vor, bis er schließlich versiegt. Ja, die Zeit vergeht erbarmungslos.

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Oft sind es Einzelschicksale, Individuen, denen sich diese Eigenschaften des Lebens offenbaren. Doch in Zeiten wie diesen sind wir alle betroffen. Religiöser Fanatismus ist in diesen Tagen vorherrschender denn je und wir begegnen dem uns unbekannten zu meist mit Skeptizismus und Beklemmung. Wir negieren das Fremde, das so schwer zu benennen ist und scannen die Programme für ein Trugbild vermeintlicher Aufgeklärtheit. Wir leben in Zeiten, in denen religiöser Terror keinen Ausnahmefall mehr darstellt, sondern nahezu omnipräsent ist. Überall auf der Welt töten Menschen Menschen und Menschen werden von Menschen getötet. Unter dem Deckmantel der Religion fällt es so viel leichter diese Radikalität zu legitimieren.

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Es sind 3529 Kilometer, die zwischen Siegen und Bagdad liegen, 5157 Kilometer, die Siegen von Kabul trennen, 4958 Kilometer Luftlinienabstand zwischen Siegen und Nigeria, 665 Kilometer, die Siegen von Paris entfernt ist, 258 Kilometer von Siegen bis nach Brüssel und letztlich 96 Kilometer die uns von der Altstadt in Düsseldorf distanzieren.

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Nachdem die mutmaßliche IS-Zelle ausgehoben und drei unter Verdacht stehende Syrer, die vermeintlich einen Anschlag auf die Düsseldorfer Altstadt geplant hatten, verhaftet worden sind, fühlt man sich, wie nach jeder Terrormeldung in diesen Tagen, unweigerlich mitgenommen und betroffen. Es fällt so leicht, schlechte Nachrichten aus dem Rest der Welt zu verdrängen und es ist doch so unendlich falsch. Wir wachsen damit auf, schlechte Nachrichten einfach zu schlucken, doch nicht zu reflektieren, zumindest nicht langfristig, denn gleich um die Ecke wartet die nächste unheilvolle Berichterstattung, deren Botschaft wir wahrnehmen, aber nicht aufnehmen können. Denn würden wir jeder dieser Meldungen nachgehen und sie an uns ranlassen, müssten wir zugeben, dass etwas gewaltig falsch läuft in der Welt, und dass möglicherweise die wohlige Wärme der Heimeligkeit bedroht ist, in der wir uns doch so gerne in Watte gepackt zur Ruhe betten, um die Schlechtigkeiten der Welt auszublenden. Denn es gilt die Devise „irgendwer wird’s schon richten!“ Doch dann erreicht er uns, der Terror, und der Strom der Zeit wird zur reißenden Flut, die alles mit sich nimmt, was zuvor unser Leben definiert hat, die hart erarbeitete Heimeligkeit aus den Angeln hebt und etwas unumkehrbar verändert. Was bleibt sind die Trümmer einer heilen Welt.

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Doch Kriege sind menschengemacht. Menschen, die ökonomische, gesellschaftliche und politische Interessen verfolgen und für die die Religion das geheiligte Mittel zum Zweck ist. Mittel und zugleich Opfer sind ebenso die Menschen, die vom Zahnwerk des Terrors zermalmt und in den Strudel aus Hass und Furcht hineingezogen werden. Es wurden viele Fehler in der Vergangenheit gemacht, aber sollten Fehler nicht Verbesserung und Fortschritt weichen. Mag sein, dass dies eine sehr idealististische Einstellung ist, aber ich bin der festen Überzeugung, dass man allein durch einen offenen und respektvollen Umgang mit allen Menschen viel erreichen kann.

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Terrorismus lässt sich nicht von heute auf morgen aus den Köpfen der Menschen vertreiben, geschweige denn in einer Nacht-und-Nebel-Aktion ausmerzen, aber ihm lässt sich entgegenwirken. Entgegenwirken, in dem man nicht alles Fremde sofort unter Generalverdacht stellt oder es kategorisch verneint, sondern sich im Gegenteil engagiert, jungen Menschen Perspektiven zu geben, Vorurteilslosigkeit fördert und sich auf keinen Fall hinter einer Maske aus Unnahbarkeit und Ignoranz versteckt. Das Miteinander darf niemals dem Gegeneinander unterliegen. Zeiten wie diese können sich erst dann verändern, wenn Menschen damit beginnen sich selbst zu ändern. Es nutzt nichts, sich zu verstecken oder pauschalisierte Schuldzuweisungen anzustellen. Letztlich kann man nur glauben und hoffen, dass die Gegenwart irgendwann einer friedvollen Zukunft weicht und es bis dahin weiter gelingt geplante Anschläge, wie den auf die Düsseldorfer Altstadt zu vereiteln und die Täter zur Verantwortung zu ziehen.

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Artikel: Marina Sauerland

Bildmaterial: Lizenz CCO; Quelle: pixabay.com; Urheber: Junior Peres Junior

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